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Die Terrorattacken in New York und Washington

Dale Fuller, ein junger US-Amerikaner und Politikstudent, arbeitete fast ein Jahr im Bürgerbüro des Bundestagsabgeordneten Gernot Erler in Freiburg und gewann dort viele Freunde. Am 12. September, am Tag nach den Terroranschlägen, schickte er ein E-mail an die Büroadresse, aus Minneapolis. Sein Bericht zeigt, wie auch weitab von den schrecklichen Schauplätzen eine Schockwelle ganz Amerika erfasste. Die Antwort von MdB Erler an Dale Fuller ist angefügt.

Hallo Gernot, Marion, Markus, Margot, Oliver, Ralph, und alle,

Hier ist Dale

Es tut mir leid, dass ich nicht früher geschrieben habe, aber ich habe so viel zu tun. Die Uni hat schon angefangen und ich muss viel arbeiten. Es geht mir gut, aber ihr wisst schon, was hier in Amerika passiert ist.

Ich kann es nicht erklären, wie die Stimmung in Amerika heute ist. Am Dienstag bin ich zu meiner Arbeit gegangen, weil ich am Dienstag, Donnerstag und Freitag keine Uni habe. Ich arbeite in einem Hochhaus (Skyscraper, Tower) auch in der Innenstadt von Minneapolis. Ich habe plötzlich im Radio gehört, dass World Trade Center 1 und World Trade Center 2 und das Pentagon von Flugzeugen zerstört wurden und dass die Flugzeuge entführt waren. Ich konnte es kaum glauben, das zweitgrößte Gebäude in ganz Amerika und unser Verteidigungsministerium auch. Plötzlich gab es viel Polizei und Militär und Feuerwehr auf den Strassen auch in Minneapolis. Ich dachte NEIN NEIN NEIN nicht Minneapolis auch, ich hatte so viel Angst, aber zum Glück gab es keine Luftangriffe in Minneapolis oder Chicago. Wir mussten die Innenstadt von Minneapolis verlassen. Die Uni wurde auch abgesagt. Ganz Amerika ist zu gewesen, alle Towers und Innenstädte der Großstädte sind zu, alle Flughäfen sind zu, alle Termine und Veranstaltungen sind abgesagt. Es ist unverstellbar.

Meine Arbeitskollegen haben Angst zur Arbeit zu gehen. Wir haben alle geweint. Alle wollen nur nach Hause, zu ihren Familien. Ich habe nie in meinem Leben so traurige Tage in Amerika gesehen. Alle sagen, dass wir im Krieg sind. Sie spielen unsere Nationalhymne im Radio 3 oder 4 mal in einer Stunde. Es gibt jetzt amerikanische Fahnen in jedem Fenster, es gibt eine lange Schlange von Jungs, die sich für das Militär anmelden wollen. Die Leute haben Kerzen in den Strassen und singen Lieder z. B. "I am proud to be an American". Es ist verrückt, niemand kann es glauben, dass so viele gestorben sind. Alle sind sprachlos, sie schätzen, dass ungefähr 30.000 gestorben sind, fast jede Person kennt jemanden, der im World Trade Center oder in der Nähe gearbeitet hat. Es ist schwer zu erzählen. Alle habe Angst, z. B. mit einem Aufzug zu fahren oder durch einen Tunnel zu fahren, und alle wollen Krieg.

Ich hoffe, dass Gott uns allen hilft und dass es keinen Krieg gibt, aber wir müssen etwas gegen diese Terroristen machen.

Denkt an uns in Amerika, unsere Herzen und unser Land sind verletzt.

Ich rufe euch so bald wie möglich an.

Dale Fuller

Lieber Dale,

Deine Nachricht, wie Du in Minneapolis, also weit weg von New York City und Washington, die furchtbaren Anschläge erlebt hast, haben mich und alle Deine Freunde hier in Freiburg tief bewegt. Dein Bericht zeigt, wie tief dieser Terrorakt von einer bisher unbekannten Dimension in das Alltagsleben und die Gefühle von Dir und wohl aller Menschen in Amerika eingegriffen hat. Wahrscheinlich wird der 11. September unser aller Leben verändern.

In Deutschland haben die Bilder und Nachrichten aus New York und Washington alle normalen Abläufe gestoppt. Es ist, als ob auch unser Lande den Atem anhält. Der Bundestag hat seine Haushaltsdebatte abgebrochen und auf Ende September verschoben. Unzählige Veranstaltungen wurden abgesagt. Stattdessen gehen die Menschen in Trauergottesdienste, finden sich zu stillen Gedenkminuten ein, füllen mit ihren Unterschriften die Kondolenzbücher - und versuchen immer wieder, das Unglaubliche zu verstehen. In Berlin, bei den Sicherheitsabsperrungen vor der amerikanischen Botschaft direkt bei meinem Büro, legen in einem nicht abreißenden Strom auffallend viele junge Menschen Blumen nieder und zünden kleine Kerzen an. Auch die ganze Nacht über stehen sie schweigend da und schauen in das rote Kerzenlicht. In Freiburg hat sich in diesen Tagen das ganze Leben umgestellt, jeder denkt nach über sichtbare Zeichen der Anteilnahme und versucht sie zu geben. In den Schulen finden statt des Unterrichts Gespräche über die schockierenden Berichte aus Amerika statt, aber ebenso wie wir haben die Schulkinder viele Fragen, die keiner beantworten kann.

Auch bei uns haben sehr viele Menschen Angst vor dem Krieg. Alle hoffen auf eine besonnene Reaktion Washingtons, die keine Eskalation und keine neue Gewaltspirale auslöst. Eine ziemlich grundsätzliche Diskussion hat darüber angefangen, wie man sich gegen Terrorismus schützen und wie man mit politischen Mitteln ihn möglichst schon an seiner Entstehung hindern kann. Ich glaube, das wird uns noch lange beschäftigen.

Aber im Moment steht eine Botschaft im Mittelpunkt, an Dich und an alle Menschen in Deinem Land: Ihr seid nicht allein! Wir fühlen uns nicht nur betroffen, sondern regelrecht mitgetroffen. Wir wollen zusammenstehen bei diesem Leid und bei dieser Herausforderung, auf die wir gemeinsam angemessene Antworten finden müssen.

Lieber Dale, ganz viele Gedanken und Gefühle gehen in diesen Tagen von Deinen Freiburger Freunden zu Dir. Wir umarmen Dich und hoffen, bald mit Dir sprechen zu können!

Dein Gernot, zusammen mit Marion, Markus, Margot, Oliver, Ralph und allen Deinen Freunden