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"Dagegen war Hitler doch ein Waisenknabe!"
Das "Schwarzbuch des Kommunismus" und seine Wirkungen
von Gernot Erler
Wer kauft sich ein Buch, das auf 987 Seiten die Unterdrückung, die Verbrechen und den Terror kommunistischer Herrschaft in der Sowjetunion, in Polen und den anderen ost- und südosteuropäischen Staaten, in China, Nordkorea, Vietnam, Laos und Kambodscha, in Kuba, Nicaragua und Peru, in Äthiopien, Angola und Moçambique, in Afghanistan und schließlich in der DDR minutiös auflistet und beschreibt? Im Zweifelsfall werden es nicht mehr als ein paar Spezialisten sein. Das hat sich wohl auch der französische Erstverleger gesagt und auf Abhilfe gesonnen. Er paßte einen symbolträchtigen Erscheinungstermin ab (80 Jahre Sowjetunion, Vorabend von 150 Jahren "Kommunistisches Manifest", streifte eine rote Banderole mit der Aufschrift "85 Millionen Opfer!" um sein "Schwarzbuch des Kommunismus" und kündigte an, die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) werde das Erscheinen des Buches um keine vier Wochen überleben.
Was die Umsatzzahlen betraf, ging die Rechnung auf. "Le Livre Noir du Communisme" wurde in wenigen Wochen 120.000 mal über den Ladentisch gereicht, der Münchener Piper-Verlag ("Dieses Buch wird den Blick auf dieses Jahrhundert verändern") zog mit einer Startauflage von 100.000 Stück für die deutsche Übersetzung im Mai dieses Jahres nach, weitere Ausgaben sind in 23 Ländern in Vorbereitung.
Dieser Erfolg war nur möglich, weil vom ersten Tag an in Frankreich und bald darauf in zahlreichen anderen Ländern mit voller Wucht eine kontroverse Diskussion über den Report des Schreckens einsetzte, und das nicht nur als Folge der raffinierten Inszenierung der Verleger. Die öffentliche Debatte berührte die unterschiedlichen Beiträge der elf Autoren fast gar nicht. Nur die Fachleute wunderten sich über die Qualitätsunterschiede: Nicolas Werth (Sowjetunion), Jean-Louis Margolin (China), Andrzej Paczkowski sowie Karel Bartosek (Ost- und Südosteuropa) lieferten Produkte seriöser Forschung mit zahlreichen Belegen, was man von den restlichen Kapiteln nicht behaupten kann. In dem konfusen Abschnitt über Lateinamerika werden gar die Opfer des Krieges gegen die Somoza-Diktatur und des Bürgerkrieges zwischen Contras und Sandinistas in Nicaragua pauschal den Kommunisten angerechnet - ein kaum verständlicher Fehler des Autors Pascal Fontaine, der schon lange vor der deutschen Ausgabe gerügt, dort aber nicht korrigiert wurde. Dafür erweiterte der Piper-Verlag die deutsche Edition um einen 65-Seiten-Beitrag von Ehrhart Neubert und Joachim Gauck zur Aufarbeitung des Sozialismus in der DDR, der als Nachreichung hinter den Aufzählungen der Greuel in Kambodscha und Afghanistan wenig überzeugend und deplaziert wirken muß.
Nein, die öffentliche Debatte konzentrierte sich fast ausschließlich auf das provokative Vorwort "Die Verbrechen des Kommunismus" von Stéphane Courtois. Schon sein sorgloser bis absichtsvoller Umgang mit den Opferzahlen stellt die Seriosität der ganzen Dokumentation in Frage. Eine seiner zentralen Aussagen lautet: "Die Fakten zeigen aber unwiderleglich, daß die kommunistischen Regime rund hundert Millionen umgebracht haben, während es im Nationalsozialismus rund 25 Millionen waren". Diese Gegenüberstellung als Ergebnis einer "Geschichtsschreibung mit dem Taschenrechner" (Wolfgang Wippermann) veranlaßte den rechtsextremen französischen Europaabgeordneten Bernard Antony zu der triumphierenden Feststellung "Dagegen war Hitler doch ein Waisenknabe!". Courtois, und damit fängt es an, hat aber seinen Taschenrechner schlecht genutzt. Addiert man die von ihm selbst angeführten Schätzwerte für die Opfer, kommt man kaum über die 85 Millionen der Werbebanderole hinaus. Aber selbst bei diesen Schätzwerten ignoriert Courtois die im Detail begründeten Zahlen seiner Autoren: So ermittelt Nicolas Werth für die Opfer in der Sowjetunion eine Gesamtsumme von 15 Millionen Menschen - beim Chefherausgeber aber figurieren ohne Belege einfach 20 Millionen.
Da kommt der Verdacht auf, daß Courtois auf die 100 Millionen "aufgerundet" hat, um eine bestimmte öffentliche Wirkung zu erzielen. "Sekundäre Ausbeutung all der im Namen des Kommunismus Geschundenen" (Lothar Baier) und ein frisiertes Diktaturen-Ranking warfen ihm Kritiker vor. Auch seine Autoren machten Schwierigkeiten. Jean-Louis Margolin mußte durch Androhung einer Schadensersatzklage zur Freigabe seiner Texte gezwungen werden. Gemeinsam mit Nicolas Werth kritisierte er den "Sensationalismus" und die "politische Ausbeutung" des Buches durch Courtois in einem ganzseitigen Le Monde-Artikel. Während der Autor des Vorworts Massenvernichtungen zum zentralen Signum kommunistischer Herrschaft erklärte, betonten seine beiden wichtigsten Autoren die Unterschiede: Massaker lassen sich z.B. kaum in Kuba, Nicaragua und den osteuropäischen Regionen feststellen, aber selbst in der Sowjetunion prägen sie zwar in Wellen in einer Gesamtlänge von 10 Jahren, in China von 15 Jahren, aber längst nicht gleichförmig und immer das Geschehen von mehr als sieben Jahrzehnten. Nach 1953 hören in der Sowjetunion die Massenvernichtungen auf - mit diesem Jahr endet auch die Darstellung von Nicolas Werth.
Courtois füllt seine Horrorkonten auch umstandslos mit den Opfern der großen Hungerkatastrophen in der Sowjetunion und China. Ihm scheint erwiesen, daß der große Hunger jeweils das Ergebnis planvoller Vernichtungsszenarios der kommunistischen Führungen war. Ganz anders Nicolas Werth, der keine zielgerichtete Planung entdecken kann, sondern eher ein Syndrom von Planlosigkeit und Chaos bei der Operationsdurchführung, die z.B. die Deportation der Kulaken Anfang der 30er Jahre zur Tragödie werden läßt. Für die kommunistische Verbrechenstatistik hätte das Auswirkungen: Die menschlichen Verluste bei den beiden großen sowjetischen Hungersnöten 1921-1922 sowie 1932-1933 beliefen sich auf 11 Millionen, also auf über zwei Drittel der Gesamtopferzahl.
Mit seinem methodisch fragwürdigen Zahlenwirrwarr allein hätte das Schwarzbuch aber kaum die Öffentlichkeit in so nachhaltiger Weise provozieren können. Das bewirkte Stéphane Courtois erst durch drei Behauptungen zur Frage des Wesens der kommunistischen Verbrechen und der Rolle, die ihre Behandlung im Bewußtsein und in der öffentlichen Wahrnehmung in den westlichen Gesellschaften angeblich spielt.
Courtois analysiert nicht etwa die Gewalthandlungen kommunistischer Herrschaft in ihrem Spannungsbogen von Lenin über Pol Pot bis Egon Krenz, um einen Kern von Kontinuität in Erscheinung und Legitimation freizulegen, er konfrontiert die einzelnen Terrorphasen auch nicht mit inneren oder äußeren Umständen. Egal ob Bürgerkrieg, Weltkrieg, Entente oder Koexistenz herrscht - die Freunde und Gegner des Kommunismus kommen ebensowenig vor wie tatsächliche oder inszenierte interne Machtkämpfe, tatsächliche oder inszenierte soziale Spannungen oder wirtschaftliche Prozesse wie die Industrialisierung bzw. die ökonomischen Herausforderungen im Rahmen der Systemkonkurrenz. Nicht daß ein einziger dieser Umstände Willküropfer rechtfertigen könnte, aber all diese historischen Umstände fehlen - auch in den Einzelbeiträgen - und werden damit nicht zur Erhellung wenigstens einer Handlungslogik der Täter herangezogen.
Stattdessen reicht dem Chefherausgeber ein kurzes Streifen an der phänomenologischen Oberfläche seiner Verbrechensstatistiken, um die kommunistischen Gewalttaten unter Heranziehung nationaler und internationaler Rechtssprechung, einschließlich der vom Nürnberger Militärtribunal der Alliierten, auf die gleiche Stufe wie die Verbrechen gegen den Frieden, wie die Kriegsverbrechen und vor allem die Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Nazis zu stellen. Hier spricht nicht der Historiker, sondern der Staatsanwalt, wenn nicht Welt-Anwalt. Und methodisch versteigt sich dabei Courtois nicht nur durch seine juristische Retortenanalyse, sondern auch, indem er eine radikale Sichtweise aus dem Opferblickwinkel zum Gradmesser macht. Da heißt es bei ihm: "Der Hungertod eines ukrainischen Kulakenkindes, das einer von Stalin absichtlich herbeigeführten Hungersnot zum Opfer fiel, zählt genausoviel wie der Tod eines Judenkindes, das im Warschauer Ghetto von den Nazis ausgehungert wurde."
Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Gleichsetzung von "Rassen-Mord" und "Klassen-Mord" - und Courtois geht diesen Schritt, das ?uvre von Ernst Nolte, für den Auschwitz und der Rassenmord nur eine Reaktion auf den Klassenmord der Bolschewiki darstellte, fest unter dem Arm. Diesem geistigen Ziehvater eifert Courtois auch sonst nach, etwa wenn er behauptet, die Methoden der Kommunisten erinnerten nicht nur an die der Nazis, "sondern gehen diesen oft voraus". Das steigert sich ins Groteske, wenn Auschwitzkommandant Rudolf Höss mit der Behauptung zitiert wird, bei den KZ-Plänen für Auschwitz hätten russische Baupläne Pate gestanden, eine längst als Nonsens entlarvte Fehlinformation.
Mit diesen plumpen Anleihen bei dem Auslöser des deutschen Historikerstreits hat Courtois dem "Schwarzbuch" keinen Dienst erwiesen. Statt eine ernsthafte Auseinandersetzung zur Frage der Kriminogenität des Kommunismus anzustoßen, trat er in Frankreich einen "Historikerstreit à la francaise" los. Plötzlich erinnerte man sich auch, daß François Furet, der Autor von "Le passé dŽune illusion" und damit eines anderen großen Abrechnungsbuches mit dem Kommunismus, eigentlich das Vorwort zum Schwarzbuch schreiben sollte, dann aber im Juli 1997 bei einem Unfall starb. Und daß Furet Ernst Nolte persönlich kannte und schätzte und mit ihm einen ausführlichen Briefwechsel führte, der inzwischen sowohl auf französisch wie auf deutsch vorliegt - mit dem Unterschied zu Courtois, Noltes Erklärungsversuchen des Faschismus aus der Abwehr gegen den Kommunismus etwas kritischer begegnet zu sein.
Wer in dieser Küche kocht, darf sich über falschen Beifall nicht beklagen. FN-Chef Le Pen klatschte gleich in die Hände und forderte öffentlich einen Nürnberger Prozeß für die Kommunisten. Ihm haben sicherlich auch die beiden weiteren Behauptungen Courtois gefallen. Letzterer nimmt nämlich für das Schwarzbuch in Anspruch, erstmals ernsthaft über die Verbrechen kommunistischer Herrschaft zu informieren, und fragt: "Warum hat es bis zum Ende des Jahrhunderts gedauert, daß sich die Wissenschaft mit diesem Thema befaßt?" Wo überlebende Opfer Zeugnis ablegten, seien sie auf ein regelrechtes Schweige-Kartell gestoßen. Angeblich ging die westliche Öffentlichkeit der kommunistischen Propaganda auf den Leim, ließ sich von den hehren Zielen der Urväter bluffen, fiel auf den Pseudo-Antifaschismus Sowjetrußlands rein und mied den kommunistischen Terror als Forschungsgegenstand.
Courtois muß selber wissen, wie sehr er hier ins Leere haut. Undenkbar, daß er nie die erschrockenen Stimmen aus dem kommunistischen Lager selbst wahrgenommen hat, von Kautsky über Trotzki, Merleau-Ponty, Serge, Rousset bis Camus, daß ihm die Werke von Koestler, Gide, Orwell, Buber-Neumann, Grossmann, Schalamow und Solschenizyn unbekannt blieben, daß er die Untersuchungen von Conquest, Medwedjew, Fainsod, Kerschow, Lewin und vielen anderen nie in die Hand genommen hat. Dies soll dem Forschungsdirektor im CNRS (Centre national de la recherche scientifique), dem Mitbegründer und Herausgeber der Zeitschrift "Communisme", dem Chronisten der KPF und Schüler der berühmten Kommunismusforscherin Annie Kriegel als Lapsus unterlaufen sein? Unmöglich.
Worauf es hinausläuft, merkt man erst bei Courtois drittem Punkt. Als Erklärung für das angebliche Schweigekartell und den Negationismus gegenüber den kommunistischen Verbrechen bietet er die intensive, ja aus seiner Sicht übersteigerte Beschäftigung mit der Vernichtung der Juden an: "Nach 1945 erschien der Genozid an den Juden als das Paradigma moderner Barbarei, und zwar so sehr, daß er allen Raum für die Wahrnehmung von Massenterror im 20. Jahrhundert beanspruchte." Die Sieger von 1945 hätten berechtigterweise den Völkermord an den Juden in den Mittelpunkt ihrer Verurteilung des Nationalsozialismus gestellt und damit ganze Generationen von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt einseitig auf dieses Thema orientiert. Das gelte es jetzt, 50 Jahre später, endlich zurechtzurücken - eben mit dem "Schwarzbuch".
Vor diesem Hintergrund versteht man dann die idiomatischen Anleihen von Courtois Argumentation bei Raul Hilbergs großer Gesamtgeschichte des Holocaust (Die Vernichtung der europäischen Juden) und auch seinen "Titelklau" bei jenem anderen Schwarzbuch von Ilja Ehrenburg und Wassilij Grossmann über den Genozid an den sowjetischen Juden: Sein Kompendium soll sich neben die Aufarbeitung der Shoah vorkämpfen, soll denselben Anspruch auf Aufmerksamkeit beanspruchen und für die Anklage gegen die gleichrangigen Verbrechen der Jünger von Marx, Engels, Lenin und Stalin endlich den ihr zustehenden Platz freiboxen.
Ein solch heroisches Anliegen mag den Beifall des Publikums finden, doch sollten dazu wenigstens die Vorannahmen stimmen. Sie tun es nicht. In den Nürnberger Prozessen ist keiner der Angeklagten wegen des Genozids an den Juden angeklagt worden. Eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Holocaust setzte erst viel später ein, in den 70er und 80er Jahren. Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert teilte in einem lesenswerten Interview über den Judenmord als "Kernereignis des Jahrhunderts" (Die Welt, 16.3.98) seine Feststellung mit, daß der Holocaust in den wichtigsten Gesamtdarstellungen zur Geschichte des Nationalsozialismus nicht mehr als fünf Prozent einnimmt.
Die Provokation des "Schwarzbuchs", die in erster Linie von seinem Vorwort ausgeht, besteht somit in Desinformation und Geschichtsklitterung. Die Verleger wird das nicht verlegen machen, da gerade eine mit harten Bandagen ausgetragene Kontroverse die Verkaufszahlen nach oben jagt. Aber was trieb dann den Chefherausgeber und seine Kollegen? Warum haben sie sich jenes Verdikt erschrieben, dem immer mehr Diskussionsteilnehmer zustimmen und das der französische Schriftsteller Gilles Perrault in folgende Worte kleidete: "Das Elend der Menschen verdient besseres als ein marktschreierisches Buch. Und die Hoffnung auf eine Linderung des Elends verlangt mehr als eine Propagandaoperation"?
Eine mögliche Antwort liegt in der Lebensgeschichte von Stéphane Courtois, die der seiner Mitstreiter ähnelt. Der Autor, Jahrgang 1947, bekennt, nach 1968 vier Jahre lang Berufsrevolutionär in der maoistischen Organisation "Vive la revolution", die sich dem bewaffneten Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft verschrieben hatte, gewesen zu sein. Ist sein Versuch, "die Verbrechen des Kommunismus im Gedächtnis der Völker an die Stelle der Naziverbrechen zu setzen" (Annete Wieviorka), vielleicht der Canossa-Gang eines reuigen Alt-Linken? Treibt der Furor des Renegaten einmal mehr einen persönlichen Purgations-Ritus zu neuen Übertreibungen und Verzerrungen?
Solche personalistischen Erklärungen greifen immer zu kurz. Wenn sich der Rauch der Colts, die noch täglich in Sachen Schwarzbuch feuern, etwas verzogen hat, wird man den ganzen Vorgang vielleicht etwas genauer in die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge einordnen können. Zwischen 1989 und 1991 verschwand das kommunistische Weltsystem, und mit ihm dankte die Systemalternative zu dem westlichen Modell von Marktwirtschaft und Demokratie ab. Seitdem entkleidet sich aber zusehends das einzig übriggebliebene kapitalistische Lebensmuster seiner humanitären Züge, die es sich in Zeiten der Systemkonkurrenz hatte zulegen müssen. Diese Verluste drücken sich in den Ängsten der wachsenden Zahl von Verlierern im Prozeß des entgrenzten weltweiten Wettbewerbes aus, in dem für soziale Netze kein Platz mehr bleibt. In einem monistischen Weltsystem ohne Alternative ist es nicht gut, wenn in den Köpfen Erinnerungen an Konzepte für eine bessere Welt hängenbleiben. Vielleicht wird irgendwo in diesem Feld der Architektur unseres wünschbaren Zukunftsbewußtseins das "Schwarzbuch des Kommunismus" seinen Ort finden: als Versuch, das Wissen über die unleugbaren Greuel in der Geschichte der kommunistischen Regime so zentral in unsere Köpfe zu versenken (deshalb der Parallelanspruch zum Holocaust), daß die Erinnerung an die humanitären Utopien dabei rausgehämmert wird.
Der Erfolg des Unternehmens steht infrage. Das belegt auch der bisherige Verlauf der Diskussion. Nur eine Minderheit zeigt Bereitschaft, die Gleichung des Stéphane Courtois nachzuvollziehen. Die meisten beharren auf jener Differenzierung, die das Holocaust-Opfer Primo Levi einmal auf den folgenden Begriff brachte: "Man kann sich den Nationalsozialismus nicht ohne Gaskammern, wohl aber den Kommunismus ohne Arbeitslager vorstellen." Andere haben ein "Schwarzbuch des Kapitalismus" angedroht und schon mal vorläufige Opferzahlen addiert: Kolonialkriege, Sklavenhandel, Ausrottung von Urbevölkerungen, Eroberungskriege, Ölkriege, Industrialisierung, ursprüngliche Akkumulation, Kinderarbeit - es käme einiges zusammen. Hoffentlich bleibt uns die Fortsetzung dieser gedruckten Opferkonkurrenz erspart.
Ach ja, die KPF lebt auch noch, obwohl die vier Wochen längst abgelaufen sind. Am 12. November 1997 fuchtelten einige UDF-Abgeordnete in der Nationalversammlung mit dem Schwarzbuch, dessen französische Ausgabe übrigens einen weißen Einband hat, herum und verlangten vom Premier eine Erklärung. Lionel Jospin antwortete: "Die Revolution von 1917 gehört zu den großen Ereignissen unseres Jahrhunderts. Die Sowjetunion, was auch immer man über Stalin meinen kann, war unsere Verbündete gegen Nazideutschland. Ja, der Gulag und der Stalinismus müssen en bloc verurteilt werden, und womöglich haben die französischen Kommunisten dies zu spät getan. Aber für mich hat der Kommunismus zu tun mit der Volksfront, den Kämpfen der Résistance, den Regierungen von 1945 bis 1981. Ich bin stolz, daß der Kommunismus in meiner Regierung vertreten ist." Der Ausflug des Schwarzbuches in die Tagespolitik war damit rasch beendet. Der lange Marsch durch die Feuilletons und Talk-Runden ist aber auch heute noch längst nicht abgeschlossen.
Stéphane Courtois, Nicolas Werth, Jean-Louis Panné, Andrzej Paczkowski, Karel Bartosek, Jean-Louis Margolin: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. Mit dem Kapitel "Die Aufarbeitung des Sozialismus der DDR" von Joachim Gauck und Ehrhart Neubert. Aus dem Französischen von Irmela Arnsperger, Bertold Galli, Enrico Heinemann, Ursel Schäfer, Karin Schulte-Bersch, Thomas Wollermann. Piper-Verlag, 987 Seiten, 32 Seiten Bildteil, DM 68,- 13