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Meine persönliche "Berliner Republik"
Gernot Erler, MdB, über den Umzug von Bonn nach Berlin

"UDL 50/4011" - das klingt wie ein neues Präparat gegen Venenschmerzen. Ist es aber nicht, sondern die neue Adresse meines Abgeordnetenbüros in der Bundeshauptstadt Berlin. Aufgelöst bedeutet das Kürzel Unter den Linden Nr. 50, 4. Stock, Zimmer 11. Da sitze ich an meinem Schreibtisch am Fenster, durch das mir immer die blau-weiß-rote Fahne Rußlands herüberwinkt - auf der anderen Straßenseite thront der Prachtbau der ehemals sowjetischen Botschaft, heute Botschaft der Russischen Föderation. Wenn ich das Fenster öffne, prallt der Lärm der immer lebhaften Allee so in mein 30-qm²-Office, daß ich am Telefon nichts verstehe. Für Frischluft muß die lautlose Klimaanlage sorgen.

Meine Gedanken wandern zurück an den Rhein, zum Hochhaus im Tulpenfeld (HIT 1214 - die Abkürzungen haben wir nach Berlin mitgebracht!), von dessen 12. Stockwerk ich 12 Jahre lang auf den deutschen Fluß und das Siebengebirge schauen konnte, auch bei offenem Fenster ungestört vom Verkehrslärm. Die einzige Ruhestörung ging im Sommer immer von den beliebten Bonner Freiluftfesten aus, die in mancher Woche jeden Tag in einer anderen Landesvertretung lostönten. "Das waren noch Zeiten!", höre ich schon die an die Spree verschlagenen Berufsrheinländer seufzen, die abends am Tresen der "STÄV" ("Ständigen Vertretung", Lokal am Schiffbauerdamm mit Bonn-Nostalgie) ihr Kölsch trinken und voller Verachtung auf einer Boulette mit Senf für 3 Mark herumkauen.

Doch, es war gemütlich und sympathisch in dem Regierungscampus um den "Langen Eugen", den die meisten Abgeordneten nur selten zu Ausflügen in die Bonner Innenstadt verließen. Daß es vorbei war, haben viele erst gemerkt, als die Packer kamen. Ein Tag Einpacken, ein Tag Transport, ein Tag Auspacken, am vierten Tag wieder Normalbetrieb - so lautete das zackige Versprechen. So ganz hat es dann nirgends hingehauen. Immerhin, meine fünf Mitarbeiter und ich mußten nicht wie verirrte Pfadfinder durch endlose Gänge geistern, auf der Suche nach den verlorenen Möbeln, oder gar vorübergehend welche "klauen", um wenigstens einen Schreibtisch zu haben. Alles kam an, und am 4. Tag (Wochenende inbegriffen) lief der Laden tatsächlich - außer meinem Telefon. Ich mußte an ein Schild denken, das jahrelang neben dem Schreibtisch meiner Büroleiterin in Bonn hing: "Wollen Sie den Chef sprechen oder jemanden, der sich wirklich auskennt?"

In Berlin ist alles anders. Das beginnt mit den Entfernungen in der Dreieinhalbmillionen-Stadt. Einer meiner Referenten hat sich in Rahnsdorf am Müggelsee niedergelassen. Er braucht 40 Minuten mit der S-Bahn bis zum Büro. Die Zeitung wird er gelesen haben, wenn er morgens anfängt. Ich habe etwas Näheres gesucht und gefunden: Pflugstr. 4, zehn Fahrradminuten nördlich vom Reichstag, pardon: vom "Plenarbereich Reichstagsgebäude", eine ruhige Nebenstraße, 150 m vom Grabmal des großen, von mir verehrten märkischen Dichters Theodor Fontane entfernt. Eine kleine, gemütliche Dreizimmer-Wohnung von 56 Quadratmetern, 10 DM Miete pro Stück, mit Gästezimmer und Balkon, und ständig von berlinreisenden Freunden und Bekannten ausgebucht, wenn ich nicht da bin.

Die Wohnung liegt in "Mitte", alter Osten, sanierter Massivbau der 50er Jahre, die Mauer an der Liesenstraße nur fünf Minuten entfernt - die Ulbricht-Leute haben sie quer durch den Fontanefriedhof gezogen und dafür 40% der Gräber flachgelegt. In der rechten Friedhofsecke hat sich erstaunlicherweise noch ein Mauerstück erhalten, an dem ich vorbeitrabe, wenn ich morgens meine Jogging-Runde im Humboldthain drehe - und der liegt schon wieder im Westen. Vom Schlafzimmer aus höre ich die S-Bahn. So, wie in Berlin, klingt sie sonst nirgends. Wenn ich morgens aufwache und sie höre, weiß ich gleich, wo ich bin.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, hat ein junger Mann, der kochen kann, eine winzige Kneipe (Hackethal's) aufgemacht. Das Köstritzer Schwarzbier kostet bei ihm ein Drittel weniger als im "STÄV". Da in das Haus, wo ich wohne, inzwischen noch vier weitere MdBs aus Baden-Württemberg sowie drei ihrer Mitarbeiter eingezogen sind, schlage ich ihm vor, in Zukunft badischen Wein zu führen. Hackethal ist sofort einverstanden, auch damit, daß ich einen Stammtisch-Teller "Pflugscharen des Bundestages" besorge - er will aber erst sehen, wie er aussieht. Das Quartier lebt, und in der großen Stadt braucht man was Vertrautes.

Ich habe es da leichter als die meisten anderen Kolleginnen und Kollegen. Ich bin in Berlin aufgewachsen, allerdings ganz woanders, im westlichen Süden, in einem "Kutscherhäuschen" im sonst eher etablierten Zehlendorf, wo die Wasserrohre im Winter einfroren, im Bad dann Eisblumen die Fenster zierten und in jedem Zimmer ein eigener Ofen geheizt werden mußte. Bis 1961 war ich als Bub paarmal im Osten, im Pergamon-Museum und bei den anderen Schätzen auf der Museumsinsel, ganz nah bei meinem heutigen Büro. Als sie die Mauer hochzogen, stand ich da und hab geschimpft, mit Tränen der Wut in den Augen. Nach Schule in Steglitz und Studium an der FU bin ich 1966 nach Freiburg gegangen. Jetzt 33 Jahre später, komme ich zurück. Der Bruder lebt hier, Verwandte, älter gewordene Freunde. Ein Kreis schließt sich.

Alles hat seinen Preis. Bonn war von Freiburg aus bequem zu erreichen: drei Stunden vierzig mit der Deutschen Bahn, ohne Umsteigen, Zeit zum Lesen, Dösen oder Ausruhen. Es gibt in Deutschland kaum einen Wahlkreis, der weiter von Berlin entfernt ist, als Freiburg, 820 Autobahn-Kilometer. Weil ich Stellvertretender Fraktionsvorsitzender bin, muß ich jede Woche montags, auch in den Nicht-Sitzungswochen, zur Beratung des Geschäftsführenden Fraktionsvorstandes in Berlin erscheinen. Es bleiben mir dafür zwei Transportrouten. Entweder nehme ich den City Night-Line, der um 22.04 den Freiburger Hauptbahnhof verläßt und um 7 Uhr 25 in Berlin-Zoo ankommt. Ich hab's ausprobiert - man schläft ganz passabel in der gut durchlüfteten Sardinenbüchse, jedenfalls nach zwei Viertel Gutedel. Die Alternative heißt: Montag um 4 h aus dem Bett, um 5 h im Airbus zum Euro-Airport in Basel, von dort um 7 Uhr 10 Abflug nach Berlin-Tempelhof (mein Lieblingsflughafen - so, wie Kinder einen malen würden) und um 8.25 h mit dem Dienstwagen ins Büro.

Ich werde von Fall zu Fall entscheiden, welchen Weg ich wähle. Anfang September geht es los. Die Fahrt nach Berlin ist weiter, aber mitten in der pulsierenden Weltstadt seinen Arbeitsplatz zu haben und dabei auch noch zurückkehren - das empfinde ich als Privileg. Eine Gefahr kann ich nicht ausschließen: Wenn ich auf der letzten Fahrt in Berlin vor der Abreise nach Freiburg mit dem Fahrer berlinert habe, kann es sein, daß man das noch durchhört, wenn ich an unserem neuen Hauptbahnhof ankomme. Ich bitte vorsorglich um Nachsicht.